Andere Umstände

Meine Mutter geht stramm auf die 90 zu, und es geht ihr den Umständen entsprechend gut.

Der zweite Halbsatz ist natürlich Quatsch, jedenfalls solange man nichts über die Umstände weiß, unter denen sie lebt. Wenn ich hier kundtue, dass sie über eine schöne Wohnung, das nötige Kleingeld und eine für ihr Alter erstaunlich gute Gesundheit verfügt, die ihr noch viele Aktivitäten außerhalb ihrer vier Wände erlaubt, dann erst stimmt´s. Das sind Umstände, unter denen es sich des hohen Alters zum Trotz gut leben lässt.

Ein verwandtes Beispiel von falschem Phrasengebrauch taucht häufig in Internet-Kleinanzeigen auf: Dort werden die angebotenen Objekte gern mit „dem Alter entsprechend in einem guten Zustand“ angepriesen. Soll natürlich heißen: Trotz des Alters in einem gepflegten Zustand. Wenn ein VW Käfer Baujahr 1965 aussieht wie aus dem Laden, dürfte das kaum seinem Alter entsprechen. Die meisten seiner blechernen Zeitgenossen haben längst die Metamorphose über ein kompaktes Presspaket und das Einschmelzen zu neuen Seinszuständen hinter sich. Und sollte doch mal ein Exemplar in irgendeiner Scheune versteckt überdauert haben, ist es mit Sicherheit in einem dem Alter entsprechenden Zustand – und der wäre wohl kaum gut zu nennen.

Wenn Tante Frieda und Herbert von Nebenan so reden oder schreiben, ist mir das allenfalls Anlass für ein spöttisches Lächeln. Mein inneres Rumpelstilzchen meldet sich immer dann, wenn Medienprofis solchen Unsinn ungefiltert in die Welt setzen. Da hieß es doch in den Nachrichten im Falle Dennis Yücel, es gehe ihm »den Umständen entsprechend gut«. Wenn es den Umständen entspricht, dass es einem im türkischen Knast ohne jede Perspektive auf baldige Freilassung gut geht, dann will ich auch dahin. Welche anderen Umstände dafür sprechen, dass es Yücel – entgegen aller Wahrscheinlichkeit – gut geht, fand keine Erwähnung.

Nun wurde im Fall des streitbaren Journalisten, so viel muss man den Nachrichtenredakteuren zugute halten, nur ein Besucher des Inhaftierten zitiert. Gänzlich selbst ausgedacht hat sich vor einigen Tagen ein Kommentator des Deutschlandfunks die Bemerkung, der Anschlag auf den BVB-Bus sei „den Umständen entsprechend eher glimpflich“ verlaufen. Einige Sätze später heißt es im Beitrag von Jürgen Zurheide (gesendet am 13.04.17, nachzulesen hier) dann:

„(…) dass es sich bei der Attacke um einen höchst gefährlichen Angriff (…) handelte. Die Sprengkraft war so ausgelegt, dass es viele Tote hätte geben können – wie in Paris, wie in Berlin. Noch weit mehr als einhundert Meter vom Tatort entfernt gingen Scheiben zu Bruch; grenzt es an ein Wunder, dass es im Bus nur einen Verletzten gegeben hat.“

Ein Wunder, das den Umständen entspricht. Oder so.

Zum Glück leben wir in einer noch einigermaßen heilen Arbeitswelt, in der man wegen Daherreden solchen Quatschs nicht umstandslos gefeuert wird. Das möchte ich auch gar nicht; aber statt gedankenloser Floskelei lieber den Umständen entsprechende Formulierungen zu wählen – das würde allen seriösen Journalisten und Publizisten gut zu Gesicht stehen.

 

Mein lieber Herr Schawuscholu,

bitte verzeihen Sie die unorthodoxe Schreibweise Ihres Namens. Aber bevor ich mir jetzt stundenlang in der Abteilung „Sonderzeichen“ alles zusammensuche, um ihn richtig zu buchstabieren, greife ich auf das Phonetische zurück. Ja, so sind wir Nazis und Faschisten halt; wir haben eine gewisse Affinität zum kurzen Prozess.

Wobei uns in puncto Nazitum und Faschismus nun eine kleine, sich harmlos als Tulpenfreunde, Cannabiszüchter, Tomatenbauern und Käseproduzenten gebende Nachbarnation den Rang abgelaufen hat, indem Sie Ihnen die Landeerlaubnis in Rotterdam verweigerte. Zwar haben Sie, Herr Schawuscholu, nach allem, was man bislang hört, dazu beigetragen, dieses zu provozieren – im Vorfeld gab es ja sogar Verhandlungen über Ihre Einreise; jedoch nach einigen unbedachten, vermutlich humoristisch gemeinten Spitzen in Richtung Zielnation war plötzlich dort die Kooperation zu Ende. Man hätte annehmen können, Sie seien gewarnt gewesen: Faschismus und Humor, oje, das ging noch nie gut… Ein, zwei unbedachte Äußerungen, und schon ist die Rübe ab der Käse statt zum Bahnhof auf die Landebahn des Flughafens gerollt, um Ihr Einfliegen zu sabotieren. Edamer- und Gouda-Faschismus. Ja, auch die, die nicht Geert Wilders heißen oder wählen, kehren ihr braunes Inneres nach außen und machen da mit.

Sie haben, souverän wie immer als weltgrößter und -bedeutendster Außenminister seit Ribbentrop, sofort mit Konsequenzen gedroht. Das wird natürlich spannend – wir als derzeit nur noch zweitgrößte Europäische Faschistennation blicken nicht nur mit Bewunderung, sondern auch Neid nach Holland und können deswegen eine gewisse Schaden-Vorfreude nicht verhehlen. Was kommt? Darf der Holländer jetzt keine türkischen Tomaten mehr kaufen und muss stattdessen seine selbstgezogenen blassrot-wässrigen  Schleimbeutel essen? Eine gerechte Strafe wär´s, aber man darf vermuten, dass man dort durchaus in der Lage ist, schmackhafte Tomaten zu produzieren, nur – warum exportieren, solange die Konkurrenzfaschisten im Nachbarland das geschmacksfreie Zeug kaufen… Holländische Türkei-Urlauber mit fettigem, lauwarmem Essen und schlechtem Service quälen? Warum nicht. Ach so, das wird bei Ihnen eh schon praktiziert. Holländische Autobahnen mit türkischen Wohnwagen verstopfen? Zugegeben, sehr aufwendig zu organisieren. Aber wir finden schon was.

Gerade mischt sich noch jemand in unsere Überlegungen ein: Ihr Staatspräsident sekundiert Ihnen, Herr Schawuscholu, mit der Drohung, zukünftig allen Niederländischen Diplomaten und Politikern die Einreise zu verweigern. Gähn. Mehr fällt dem weltgrößten und -bedeutendsten Staatslenker seit Idi Amin nicht ein? Ist das wirklich alles? Da müssen wir nochmal drüber reden.

Enttäuscht grüßt

Ihr Eskalationsberater GG

 

 

Die Wissenschaft hat festgestellt…

Kürzlich las – oder besser: überflog – ich eine Rezension eines Buches, in dem ein Wissenschaftler uns erklärte, dass früher eben doch alles schlechter war. Blöderweise weiß ich nicht mehr, wo ich auf ihn gestoßen bin. Ich habe deshalb eine Internetrecherche gestartet, indem ich „Früher war alles schlechter“ als Suchbegriff eingab – so lautete der Untertitel meiner Erinnerung nach. Diesen Artikel fand ich nicht, aber jede Menge anderer, die uns alle zu erklären versuchten, dass, genau, früher alles schlechter war. Und, weil es ja wissenschaftlich sein soll, anhand jeder Menge Zahlen. Dass heute soundsoviel Prozent aller Menschen lesen und schreiben können statt wie anno Pulverdampf nur soundsoviel Prozent. Dass die durchschnittliche Lebenserwartung heute über 80 Jahre beträgt statt 30 oder 40 wie irgendwann mal in früheren Zeiten. Dass das durchschnittliche Platzangebot, das einem Individuum heutzutage in einer Wohnung zu Verfügung steht, über 45 Quadratmeter beträgt verglichen mit neunzehnhundertdideldum, wo es nur die Hälfte war. Undsoweiter und so fort.

Muss ich eigentlich solche Bücher bemühen, um das zu realisieren? Ein Besuch in einem frühgeschichtlichen Museum wirft doch bei jedem halbwegs zurechnungsfähigen Menschen die Frage auf, ob er heute mit steinzeitlichen Lebensumständen klarkäme. Ein paar Abenteurer oder irgendwelche wagemutigen Experimentalarchäologen mag es geben, die das freiwillig eine Zeit lang versuchen. Aber auch die sind vermutlich froh, wenn sie irgendwann mal wieder zuhause sind, in gut beheizten und beleuchteten Räumen ihre Vorträge darüber halten oder am mehr oder weniger aufgeräumten Schreibtisch ihr Buch in den Laptop hacken können. Aber man muss gar nicht bis in die Steinzeit zurückdenken: Der 20 Jahre alte VW Golf, den ich derzeit fahre, hat immerhin ABS, Airbags und elektrische Fensterheber. Mit ihm kann ich jede Kurve viel rasanter nehmen als mit dem alten Käfer, mit dem ich meine ersten Autofahrversuche unternahm. Und wenn ich doch mal zu schnell bin, retten mich hoffentlich ABS und Airbag. Auch kratze ich, wie ich das als Kind tat, heute keine Löcher mehr in die Eisblumen, die sich regelmäßig im Winter auf der Innenseite des Kinderzimmerfensters bildeten – trotz bescheidener Wohnverhältnisse kann ich dank Thermoverglasung auch bei harten Minusgraden jederzeit ungehindert nach draußen schauen.

Was nützt mir dieses „Besser“-Wissen, wenn ich gleichzeitig weiß, dass Millionen von Menschen ihre Fähigkeit zum Lesen und Schreiben nur dazu ge- bzw. mißbrauchen, um bestenfalls dämliche, leider aber auch allzu oft hasserfüllte Botschaften via Twitter oder Facebook in die Welt zu posaunen? Was nützt dieses Wissen dem Meeresgetier, das an den Millionen Tonnen von Plastikmüll in den Weltmeeren zugrunde geht? Wie denkt jemand über solche Wissenschaft, der Aleppo noch als intakte Stadt erlebt hat? Ist es ein Glück für ihn, dem Grauen entkommen zu sein und sich jetzt „nur“ mit ein paar Neonazis herumschlagen zu müssen? Was nützt mir dieses Wissen, wenn ich einer von den über 4 Millionen Menschen in Deutschland bin, die an Depressionen leiden? Es ist, ich mache mal wieder eine Rückblende in die Kinderzeit, wie mit dem Essen, das man verabscheut und einem mit dem Hinweis schmackhaft gemacht werden sollte, dass viele Kinder auf der Welt gar nichts zu essen haben. Es will und will trotzdem nicht schmecken.

Man könnte auf die Idee kommen, dass ich hier einem pessimistischen Weltbild das Wort reden will. Ist aber nicht so. Ich wundere mich nur, welchen Aufwand man betreibt, um Leuten entgegenzutreten, die in vollem Brustton der Überzeugung behaupten, früher sei alles besser gewesen. Als ob man die je hätte ernst nehmen müssen. Andererseits kann man sich überlegen, was passieren würde, wenn diejenigen, die Missstände – welcher Art auch immer – aufzeigen oder gar an ihrer Abschaffung arbeiten, damit aufhören. Weil ja alles schon so schön ist und viel besser als früher. Man darf annehmen, dass schon unsere steinzeitlichen Vorfahren mit ihren Lebensumständen unzufrieden waren, andernfalls wir heute nicht autofahren, fernsehen, zentralbeheizt wohnen und mit kleinen elektronischen Geräten alberne Selbstbildnisse verbreiten würden.

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Kurz gesagt: Lasst mich einfach mit diesem „Früher war alles besser/schlechter“-Scheiß in Ruhe; beides stimmt und stimmt nicht – ist eben immer eine Frage der Perspektive und des Standortes. Und Vieles ist eben nicht Alles.

Aber zurück zu den kleinen Dingen: Ich freue mich, dass mein alter Golf eine vernünftige Heizung hat und ich zu dieser Jahreszeit nicht in einem Käfer unterwegs sein muss. So wie es viele andere Errungenschaften der Zeit gibt, die ich nicht missen möchte (ich stelle mir gerade vor, ich müsste diesen Text auf einer Schreibmaschine schreiben – wenn ich außer Tinte und Feder nie etwas anderes kennengelernt hätte, fände ich das sicher sehr fortschrittlich). Aber ich träume natürlich davon, im Sommer mal wieder mit einem alten Käfer unterwegs zu sein. Mit von Hand heruntergekurbelten Fenstern.

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Foto: GG

Dyslike it or not

Deutschlands Journalisten, Feuilletonisten, Kommentatoren usw. scheinen ein neues Lieblingswort zu haben. Seit einigen Tagen habe ich es gefühlt mindestens einmal am Tag in den sogenannten Qualitätsmedien gehört oder gelesen: dysfunktional.

Buch geführt habe ich zwar nicht, aber wenn das so weitergeht… Bilden Sie einen Satz mit »dysfunktional«:

»Bei seinen Recherchen lernt der Ermittler nicht viel dazu. Wo er hinguckt: dysfunktionale Vater-Sohn-Beziehungen.«

(Aus SPIEGEL Online, Kritik zum „Tatort“ vom vergangenen Sonntag)

Nunja, immerhin ist der Begriff hier nicht falsch verwendet, im Gegenteil, es ist waschechter Soziologensprech – es hätte schlimmer kommen können. Aber ich wette, noch vor kurzem hätte dem Autor hier ein schlichtes „zerrüttet“ oder, noch simpler, „kaputt“ genügt.

Was macht die Faszination dieses Wortes aus? Ist es diese magische Vorsilbe »dys-«, die durch das Ypsilon quasi als wissenschaftlich geadelt wird und sich dadurch von seiner gemeinen »dis-«-Verwandtschaft distanziert? Sind Wörter wie „kaputt“ oder „zerrüttet“ jetzt als zu banal diskreditiert?

Vor einigen Wochen bin ich umgezogen. Und habe die Gelegenheit genutzt, mich endlich von allerlei Schrott zu trennen, der sich im Laufe der Zeit angesammelt hatte. Oder zeitgemäßer gesagt: Ich habe alle dysfunktionalen Gegenstände entsorgt.

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Dysfunktionales Aldi-Feuerzeug

 

Nun komm der Heiden Heiland…

Weihnachten ist geschafft, und wieder waren die Kirchen voll mit Menschen, die sich sonst dort das ganze Jahr über nicht blicken lassen. Ist ja auch so schön heimelig; man holt sich eben für das kommende Jahr sein Stückchen „christlich-abendländischer Kultur“. Nicht, dass ich grundsätzlich was dagegen hätte. Aber ich könnte wetten, dass ein gewisser Teil der Genießer dieser Idylle in freudiger Erwartung des anschließenden „Unboxing“ etwas gar nicht mitbekommen hat.

Deswegen hier mal in aller Deutlichkeit eine Warnung: In christlichen Kirchen wird ein AUSLÄNDER verehrt und angebetet. Jawohl, Jesus von Nazareth war gar kein Deutscher. Nicht mal Däne, Holländer oder Österreicher; das würde man ja vielleicht noch durchgehen lassen. Und seine ersten Verehrer waren drei Könige – oder Weise, je nach Version der Geschichte (wäre ja zu schön, wenn Könige auch immer Weise wären) – aus dem Morgen-, nicht aus dem Abendland. Sein für die Verbreitung des Christentums im Abendland bedeutendster Apostel kam übrigens auch nicht aus der Gegend zwischen Flensburg und Oberstdorf – Paulus war Grieche. Naja, immerhin ein Europäer und damit also Abendländer. Der hatte allerdings, nachdem er sich noch unter dem Namen Saulus als scharfer Christenverfolger hervorgetan hatte, sein Erweckungs- und Bekehrungserlebnis nahe Damaskus. Und das liegt wo? Genau. Also: Augen auf bei der Wahl der Religion. Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Islam – alles von sonstwoher eingeschleppt, genau wie das Christentum. Vorsichtshalber noch eine Warnung an alle die, die jetzt glauben, man sei mit der Verehrung germanischer Gottheiten auf der sicheren Seite: Schaut lieber mal nach, ob da nicht auch die eine oder andere mit Migrationshintergrund dabei ist. Man kann nie wissen…

Wer sich selbst und andere kennt,
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.
(Goethe, West-Östlicher Diwan)

 

Schuld und Sühne im ÖR-TV

Aufruhr im beschaulichen Alltag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens: Eine Verfilmung des Theaterstücks „Terror“ von Baldur von Schirach wird gesendet! Mit Beteiligung der Zuschauer!!

Eigentlich kann ich nicht mitreden, denn ich habe das Spektakel verpasst. Nein, verpasst ist nicht der richtige Ausdruck – ich habe es willentlich nicht geschaut. Und das lag in der Hauptsache an einem kurzen akustischen Eindruck, einem im Radio gesendeten Trailer, in dem Martina Gedeck als Staatsanwältin zu hören war. In dieser Rolle, soviel wurde in wenigen Sekunden klar, gab sie sich die größte Mühe, das typische Fernsehklischee dieser Berufsgruppe zu erfüllen: die Richter von der größtmöglichen Schuld der Angeklagten zu überzeugen und zur Verhängung des maximalen Strafmaßes zu bewegen. Martina Gedeck ist eine excellente Schauspielerin, und wenn Dramaturgie und Regie von ihr die Bedienung eines Klischees verlangen, leistet sie auch da Großes. Mag sein, dass inzwischen viele echte Staatsanwälte selbst Opfer dieses Klischees geworden sind und so agieren. Aber unser Rechtssystem sieht anderes vor: Die Staatsanwaltschaft hat bei der Forderung nach dem Strafmaß alle Fakten, auch entlastende, zu berücksichtigen. Mir jedenfalls war der Appetit vergangen.

Und so überlasse ich einem weitaus Fachkundigeren die weitere Beschreibung dieses medialen Unglücksfalles. Alles, was sonst an dieser Inszenierung erwartbar nicht stimmte, hat Bundesrichter Thomas Fischer in einer Kolumne auf ZEIT Online in deutlichen Worten dargelegt. So deutlich, dass auch der juristische Laie versteht, dass unser Rechtssystem differenziertere Urteile erlaubt als schuldig oder nicht schuldig, als Freispruch oder lebenslänglich.

Mittlerweile nehmen die Kommentare zu Fischers Kolumne 97 (!) Seiten ein. Ein immer wiederkehrender Einwand gegen seine Argumentation: Dass Film und Fernsehen selten realistische Darstellung von Staatsanwaltschafts- und Polizeiarbeit zeigen; warum sollte man die hier erwarten?

Weil die gesellschaftliche Verantwortung eine andere ist, wenn man die Rolle des Richters dem Publikum überlässt.

Die dramaturgische Reduktion der Erörterung eines durchaus vorstellbaren strafrechtlich relevanten Tatbestands auf eine Gerichtsverhandlung ist legitim. Nicht nur nicht legitim, sondern sogar gefährlich ist die dem Publikum vorgegaukelte Restriktion richterlicher Entscheidungsmöglichkeiten auf Schuld oder Unschuld, ja oder nein, Knast oder Freiheit. Mit anderen Worten: Öffentlich-rechtliche Simplifizierung statt Differenzierung, Verklärung statt Aufklärung.

Aber mit Sachverstand und Vernunft war noch selten Quote zu machen.

 

Die Erfindung des Dylanits

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A harmless and innocent guitar that definitely NOT killed folk music (yes, it´s a Martin D 28 – one that has never been played „Blowin´ in The Wind“ on)

Alfred Nobel hat bekanntlich das Dynamit erfunden. Und wie um dessen Vermächtnis eine besondere Ehre zu erweisen, zündet das Nobelpreiskomitee einen Knaller der ganz eigenen Art. Aus Dylanit sozusagen. Boff! Das saß! Der Literaturnobelpreis für einen knödelnden Barden! Hach, ist das schön!

Mich jedenfalls stimmt´s aus mehreren Gründen frohgemut.

»Das ist doch keine Literatur!«

Erstens grinse ich mir eins bei der Vorstellung der langen Gesichter, die jetzt die diversen Literaturbetriebsnudeln machen. Die, die im Vorfeld irgendwelche Wahrscheinlichkeitsrankings aufstellen und heißen Kopfes darüber diskutieren, wer denn jetzt endlich, endlich einmal dran sei. Die, bei denen Literatur erst in Buchform ab 300 Seiten aufwärts Wert hat. Die, die so gerne vom „großen deutschen Gegenwartsroman“ faseln, der jetzt endlich, endlich einmal geschrieben werden müsse.  Oder Leute wie Denis Scheck, der die Auszeichnung als „Späßken“ der Jury abkanzelte. (Die Zunahme der ihm entgegengebrachten medialen Aufmerksamkeit geht offensichtlich mit einer reziproken Abnahme seiner Zurechnungsfähigkeit einher – aber da ist er ja kein Einzelfall. Eine Begründung seiner Schelte hat er m. W. nicht geliefert).

Entdecken statt meckern

Zweitens, weil es für mich ein Anstoß war, mal wieder Dylan zu hören. Und mich dabei sehr wohl zu fühlen. Eine Entdeckungsreise – ich war nie einer dieser Ultra-Fans, die ihm eine quasireligiöse Verehrung entgegengebracht haben. Dementsprechend löchrig und fragmenthaft sind meine Kenntnisse seines Oeuvres. Doch diese Nachholarbeit macht mir Spaß. Kein „Späßken“, sondern richtigen Spaß. Der Mann ist allerdings, und da habe ich zumindest ansatzweise Verständnis für die Fassungslosigkeit manches Literaturkritikers, kein Literat, sondern ein Gesamtkunstwerk – soviel wird mit zunehmender Einsicht in das Thema klar. Aber einen Nobelpreis für Gesamtkunstwerke gibt es nun mal nicht, ebenfalls keinen für Musik. Und hier sind Kritiker wie Scheck anscheinend überfordert, weil sich die Nobelpreisjury anmaßt, ihre Kompetenzgrenze zu überschreiten. In Wahrheit verlässt die Jury aber nicht ihren eigenen Kompetenzbereich, sondern nur den des Kritikers. Doch das sieht der literaturbetriebsblinde Kritiker natürlich nicht. Und erklärt dann lieber die Wahl kurzerhand und unreflektiert zum Witz, weil er nicht zugeben mag, dass er schlicht keine Ahnung von den literarischen Qualitäten des Preisträgers hat.

Lyrik kommt von Lyra

Drittens, weil diese Auszeichnung Anlass gibt, sich mit dem Verhältnis von Sprache und Musik zu beschäftigen. Musik ist Sprache, Sprache ist Musik. Beide haben viel mehr gemeinsame als trennende Eigenschaften: Sie können zärtlich und brutal sein, von tiefer Trauer bis zu höchster Euphorie alle Gefühle auslösen, Ruhe oder Hektik verbreiten, rhthmisch oder arhythmisch sein. Das Wort Lyrik leitet sich schließlich von einem Musikinstrument ab: der Lyra – wenn man so will, ein Vorläufer von Laute und Gitarre. Allein die Rhythmisierung von Sprache durch Vers und Versmaß ist eine Musikalisierung. Es hat seinen Grund, warum die Gedichte nur schreibender Dichter so oft zur Vertonung animieren; Dylan hat die Vertonung seiner Lyrik vorsichtshalber selbst in die Hand genommen. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum dies den literarischen Wert seiner Texte schmälern sollte. Wenn man einem Lyriker wie Tomas Tranströmer den Nobelpreis verleiht – warum Bob Dylan nur darum nicht, weil er seine Texte (auch) singt? Ebenso kann Prosa durchaus musikalische Qualitäten haben: Hermann Hesse (auch Nobelpreisträger) hat im Falle des „Steppenwolf“, der ihm viel Kritik wegen angeblicher formaler Unordnung eintrug, darauf verwiesen, dass er den Roman streng nach den formalen Gesetzen einer Sonate komponiert habe – diese Rechtfertigung ist inzwischen allgemein anerkannt. Was kann der Schriftsteller dafür, wenn seine unmusikalischen Kritiker das nicht erkennen?

Kalkulierte Nachlässigkeit

Apropos unmusikalisch: Dylan muss sich immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, nicht singen zu können. Sein Gesang hält sicherlich keinesfalls den Kriterien akademischer Gesangsausbildungen stand. Auch kann er nicht mit den vokalen Fertigkeiten anderer Kollegen aus Pop, Rock und Folk mithalten. Aber seine nonchalante Nachlässigkeit hat Methode und ist, ähnlich wie bei Tom Waits, sehr kalkuliert – und durchaus gekonnt. Doch da muss man schon mal etwas genauer hinhören, um das zu erkennen. Ich bin überzeugt, dass dieser Gesangsstil sehr zu seinem Erfolg beigetragen hat. Er impliziert dem Zuhörer: „Greif dir die nächste Gitarre und versuch das – du kannst das auch!“ Und wie gut das funktioniert hat, davon zeugen Legionen von Lagerfeuersängern, die „Blowin´ In The Wind“, „All Along The Watchtower“ und Ähnliches klampfen. Wenn einer von denen nicht singen kann, klingt er dann wie Dylan?

 

 

 

 

Dem Autoren gewidmet

Ausgerechnet in einem Feature über Eckhard Henscheid, einen der ambitioniertesten Kritiker und Polemiker gegen Dummdeutsch und gedankenlosen Sprachgebrauch (gesendet im DLF, nachzuhören und -lesen hier), ist folgender Satz zu hören:

»In seiner Sammlung dramatischer Miniaturen mit dem Titel „Standardsituationen“ dokumentiert Eckhard Henscheid ein fiktives Spieler-Interview.« (Zitat aus dem Sendemanuskript S. 11)

Kann man Fiktives dokumentieren? Naja, mit etwas gutem Willen kann man es so deuten: Der Autor hat die Fiktion in seinem Kopf durch Niederschreiben dokumentiert.
Richtig schlimm ist allerdings, dass die Autoren des o. g. Features – wie viele ihrer Berufskollegen – nicht wissen, wie man das Wort „Autor“ dekliniert:

»Bei Lesungen, in der Kneipe, auf der Straße, in der Eisenbahn, immer begegnen dem Autoren Menschen, die so sprechen, wie man im Leben und nicht in der Literatur spricht.« (Zitat aus dem Sendemanuskript S. 4)

Was bei dem Wort „Motor“ – das ja derselben lateinischen Deklination entstammt wie „Autor“ – jedem Dorfschrauber problemlos gelingt, schaffen studierte Journalisten offensichtlich sehr selten. Ich habe zu dem Thema bereits vor einiger Zeit einen kleinen Artikel verfasst, der sich mit diesem Phänomen beschäftigt. Hier ist er also aus gegebenem Anlass:

 

Autorenschelte

Es wird Zeit, eine Offensive zu starten. Eine Petition. Was auch immer, es wird Zeit, in den Kulturredaktionen der Edelpresse, des „seriösen“ Rundfunks und überhaupt überall da, wo das Wort „Autor“ zum häufigen Sprach- bzw. Schreibgebrauch gehört, dessen korrekte Deklination durchzusetzen. Zur Not mit Waffengewalt und unter Androhung drakonischer Strafen. Also:

der Autor

des Autors

dem Autor

den Autor

Natürlich gibt es Bedeutsameres, über das man sich aufregen könnte. Gibt es ja meistens. Aber Sprache ist nun mal das Werkzeug der Journalisten, und deren sicherer oder schlampiger Gebrauch lässt auch Rückschlüsse auf die Qualität und Schlüssigkeit der Gedankengänge zu. Stellen Sie sich doch vor, Sie fahren mit einem noch nicht allzu verschlissenen Auto, aus dessen Motor seltsame Geräusche dringen, in eine Werkstatt. Der Mechaniker macht sich mit einem Köfferchen voll total vergniedeltem Werkzeug aus dem 1-Euro-Shop an Ihrem Fahrzeug zu schaffen, um Ihnen dann mitzuteilen: „Sorry, aber an diesem Motoren ist nicht mehr viel zu retten!“

Mal abgesehen von der inhaltlichen Grausamkeit dieser Vorstellung – erschüttern würde Sie doch vermutlich auch die Grammatik? Wie klingt das in Ihren Ohren? Würden Sie nicht schleunigst das Weite suchen und hoffen, dass Ihr Fahrzeug bis zur nächsten Werkstatt hält, die einen vertrauenswürdigeren Eindruck macht? Seh´n Sie – ein solch falsches Deutsch würde doch nicht einmal der vor zwei Wochen aus Andalusien zugewanderte Schrauberazubi sprechen. Aber unseren sogenannten Edelfedern, unseren Kulturredakteuren und Feuilletonisten lassen wir das massenhaft durchgehen. Und es geht hier nicht um den überforderten BILD-Volontär: Machen Sie sich einfach den Spaß und durchforsten Sie einmal die Kulturseiten von „Zeit“, „Welt“, FAZ, Süddeutsche, „Spiegel“ und natürlich auch deren Online-Ableger. Sie werden staunen, wie viele Deklinations-Astheniker da ihr Unwesen treiben – die dann womöglich noch von der „Sprachgewalt eines Autoren“ faseln. Gibt es einen vernünftigen Grund, das Urteilsvermögen eines solchen Schreiberlings höher zu bewerten als das des oben beschriebenen „Fachmannes“ in der Autowerkstatt?

Na also… Und jetzt nochmal alle:

  • DER AUTOR
  • DES AUTORS
  • DEM AUTOR
    DEN AUTOR

©Gerrit Gätjens 2014