Akademikermund tut Schwurbel kund

Der Schwurbel ist eine akademische Erfindung. Mir fehlt allerdings der Beweis für diese Behauptung. Aber ich habe handfeste Indizien dafür, dass es zumindest eine akademische Disziplin ist. Zum Beispiel dieses Interview mit der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, das kürzlich im Deutschlandfunk gesendet wurde und das sich mit #allesdichtmachen befasste.

Ich habe mal einen Brief an Frau Guérot geschrieben:

Sehr geehrte Frau Guérot,

Sie sind Politikwissenschaftlerin, und Wissenschaft ist ja gerade in diesen Zeiten sehr gefragt (wenn auch keineswegs immer und von allen). Aber in diesem Interview kommt leider nichts vor, was irgendwie auch nur entfernt mit Wissenschaft zu tun hat.

Sie fragen sich, warum einige Menschen die Video-Clips der #allesdichtmachen-Protagonisten als Satire und Ironie wahrnehmen, andere wiederum nicht. Eine berechtigte Frage, die mich wiederum fragen lässt, ob Sie diese Clips überhaupt kennen. Ich muss gestehen, ich habe nur einen gesehen – den von J. J. Liefers, der sich, so darf man wohl sagen, zum Fahnenträger der #allesdichtmachen-Bewegung aufgeschwungen hat und den ich deswegen wohl als repräsentativ ansehen darf. Was Satire ist, entzieht sich klar definierten (literatur-)wissenschaftlichen Grenzen. Aber vergleichen Sie das Liefers-Video doch mal mit anderen satirischen Videos, zum Beispiel mit denen von Lutz van der Horst, Moritz Hürtgen oder des ZDF-Korrespondenten Johannes Hano in NewYork. Fällt Ihnen etwas auf? Nein? Dann helfe ich Ihnen: Satire hat etwas mit Witz zu tun. Nicht so sehr mit dem, bei dem man grölend vom Stuhl fällt, es ist mitunter ein bitterer resignativer Witz. Geschmackssache, sagen Sie? Sicher. Es gibt auch immer Menschen, die über den peinlichen Witzeerzähler auf Familienfesten und Betriebsfeiern lachen.

Sie verweisen auf gewisse Filterblasen und dass auf der allesdichtmachen-„Website“ innerhalb kürzester Zeit ca. 1 Million Besucher 93 % ein „Like“, einen Daumen hoch, gegeben hätten. Auf der Website allesdichtmachen.de kann man nix liken oder disliken. Wovon reden Sie also? YouTube? Facebook? Dann sagen Sie es auch. „Auf der anderen Seite lief in den Leitmedien, vor allem auf Twitter – Twitter ist ja sehr algorithmenbestimmt – lief natürlich dies `Was ist denn das´, Häme zynisch oder Querdenken Diskurs von rechts“, erklären Sie weiter (ich habe diesen Satz so aufgeschrieben, wie Sie ihn gesagt haben). „Das heißt, Sie haben zwei Diskursarenen, die gar nicht mehr korrespondiert haben.“ Heilige Einfalt! Dass in einem Live-Interview nicht immer alles druckreif herauskommt – geschenkt. Aber was wollen Sie uns denn mit „algorithmenbestimmt“ sagen? Einfach mal so tun, als hätte man Ahnung von der digitalen sozialmedialen Welt, in der es ja bekanntlich vor Algorithmen nur so wimmelt? Der Algorithmus, wo jeder mit muss? Twitter ein Leitmedium? Was ist überhaupt ein Leitmedium (ausgenommen natürlich die Medien, in denen Sie kommentieren und publizieren, soviel können wir auf jeden Fall von Ihnen lernen) und wer darf sich so nennen? Wie´s aussieht, haben Sie nicht nur die Clips nicht gesehen, sondern waren auch noch nie auf Twitter, andernfalls hätten Sie festgestellt, dass Twitter keineswegs die geschlossene Anstalt für die #allesdichtmachen-Kritiker ist, sondern dass sich hier vom Antisemiten bis zum Zen-Buddhisten alles herumtreibt, was zu irgendwas und -wem eine Meinung hat und glaubt, die Welt damit beglücken zu müssen.

„Die Kunst muss frei sein“, posaunen Sie zur Verteidigung der Liefers-Gefolgschaft, deren Treiben Ihnen dann aber auch wieder nicht recht genehm ist, in die mediale Welt. Klar. Ich kloppe Ihnen demnächst einen dicken Nagel durch den Laptop und erkläre das zur Satire. Und bin total entrüstet, dass Ihnen das nicht gefällt. Ich will nicht bestreiten, dass es auch unter den Gegnern der allesdichtmachen-Clips einige krakeelende Weichhirne gibt. Mein Vorschlag: Beschäftigen Sie sich mit der intelligenten Kritik, da haben Sie genug zu tun. Und werden Sie ruhig konkret.

Sie möchten mehr Eigenverantwortung statt staatlicher Direktive? Wer, der alle Socken auf der Leine hat, möchte das nicht? Wie klug es ist, es darauf ankommen zu lassen, sieht man besonders in der Industrie und Wirtschaft. Ich würde gerne jedesmal, wenn die Politik zugunsten der Eigenverantwortung darauf verzichtet, Gesetze zu erlassen, bares Geld darauf wetten, dass es nicht funktioniert – ich wäre reich und das Wettbüro längst pleite. Oder die Quoten wären noch mieser als auf die erneute Bayern-Meisterschaft. Wir bräuchten keine Geschwindigkeitsbegrenzungen, kein Tierschutzgesetz; wenn man´s zu Ende denkt, bräuchte man nicht mal mehr ein Strafgesetzbuch oder vielleicht auch gar keine Gesetze mehr. Sie führen außerdem das Bundesverfassungsgericht an, das den Menschen dieses Landes mehr Selbstbestimmung beim Freitod zugesteht. Die kleine, aber bedeutungsvolle Tatsache, dass ein Freitod im Gegensatz zum (masken-)frei Herumlaufen niemanden mit einem gefährlichen Virus infiziert, bedeutet Ihnen als Wissenschaftlerin so rein gar nichts?

Ich habe dieses Interview während dieser Niederschrift mehrfach gehört und war jedesmal ein Stück fassungsloser. Zu Beginn schwafeln Sie von zwei nicht miteinander korrespondierenden Diskursarenen, um später die Existenz eines „gesellschaftlich breit gefächerten Diskurses“ zu konstatieren – ja wat denn nu? Ich höre jetzt aber mal auf; wer sich mal wieder so richtig fremdschämen will und schon alle Folgen von „Stromberg“ kennt, dem empfehle ich Ihr Interview. Fünfzehn Minuten, die es in sich haben.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Gerrit Gätjens

Preisgekrönte Pein

Anmerkungen zu „Toni Erdmann“

Habe mir nun endlich mal „Toni Erdmann“ angeschaut, da in der ARD-Mediathek angeboten und mit „preisgekrönt“ und „must see!“ beworben. Ich erinnere mich noch gut an den medialen Rummel, den es um diesen Film gab, weil er sowohl Publikums- wie auch Kritikerliebling der Filmfestspiele in Cannes war, aber dann doch keine Palme abstauben konnte.

Was ich gesehen habe, war eine ziemliche Ödnis. Nach etwa eindreiviertel Stunden war ich erledigt, staunte aber, dass noch mehr als eine Dreiviertelstunde Film übrig war. Nun gut, morgen ist auch noch ein Tag, dachte ich mir. Habe das Unterfangen am nächsten Abend nur widerwillig fortgesetzt, aber einige Kritiken versprachen noch einen Knaller am Ende, also dann… Gib dem Streifen eine Chance.

Kunst ist auch die Kunst des Weglassens und Aussortierens, und die beherrscht Filmemacherin Maren Ade – zumindest im Fall dieser Vater-Tochter-Beziehungsgeschichte – leider gar nicht. Außerdem schafft sie es nicht, aus der Humorlosigkeit und Verklemmtheit ihrer Figuren wirkliche Komik zu generieren. Auch die besten Möglichkeiten, eine Pointe zu setzen, werden ungelenk verschenkt und verläppern jedesmal. Die bemühte und verkniffene Art von Vater Conradi, witzig zu sein, hätte doch, vor allem in der Konfrontation mit der kalten und zynischen Businesswelt seiner Tochter, viel hergegeben. Aber außer jeder Menge Fremdscham wollte sich bei mir nichts einstellen.

Man könnte auch sagen: das komische Potential dieser Konstellation wurde verspielt. Denn wenn dieser Film eine Stärke hat, dann ist das die fast schmerzhafte Intensität, mit der die Hauptdarsteller Sandra Hüller und Peter Simonischek ihre Figuren führen. Bewundernswert einerseits, führt sie aber auf der anderen Seite zu nichts – außer vielleicht dazu, dass auch die überflüssigsten Szenen nicht geschnitten wurden. Und eine irgendwie interessante Entwicklung der Charaktere lässt sich auch nicht feststellen – die in der Kritik oft als innerer Befreiungsschlag der Tochter abgefeierte Nacktparty am Schluss zieht diese ebenso freud- wie folgenlos durch wie ihr ganzes restliches Leben. Überhaupt ist Folgenlosigkeit der Handlungen in diesem Film ein dramaturgisches Hauptärgernis – was hätte man beispielsweise daraus machen können, dass Vater Conradi sich als deutscher Botschafter ausgibt?

Immer wieder las ich in Kritiken etwas von „schreiend komisch“, man habe „Tränen gelacht“ usw. Vielleicht kennt von meinen Lesern jemand diesen Film und verrät mir in einem Kommentar, was ich da übersehen habe? Muss ich mir diese über zweieinhalb Stunden noch einmal antun, um hinter das Geheimnis des ganzen Jubels über diesen Film zu kommen?

Ich habe mir zur Entspannung dann – nach langer Zeit einmal wieder Loriots* „Ödipussi“ angesehen. So macht man einen komischen Film über problematische Beziehungen von Eltern zu ihren erwachsenen Kindern.


*(Ist eigentlich außer mir noch jemandem aufgefallen, dass Vater Conradi mit seiner Perücke und dem falschen schiefen Gebiss eine gewisse Ähnlichkeit mit dem interviewten Horrorfilmdarsteller aus Loriots Sketch „Die Maske“ hat? Sollte das vielleicht eine Referenz oder gar Hommage sein?)

Liebe Leserinnen und Leser, Eselinnen und Esel, Erlöserinnen und Erlöser, sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

ein anstrengendes Jahr geht zuende. Und ich wage zu behaupten, dass es das erste Jahr in der Geschichte der Bundesrepublik und des Deutschen Fernsehens ist, in dem die meisten von uns nicht erst am Ende der Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin gemerkt hätten, wenn versehentlich die Rede vom Vorjahr gesendet worden wäre.

Leider habe ich diesen wunderbaren Moment deutscher Mediengeschichte seinerzeit verpasst – wie überhaupt so ziemlich alle Weihnachts- und Neujahrsansprachen unserer Leitenden Ungestalten. Aber dass ich, mal von besagtem Silvester 1986 abgesehen, etwas verpasst hätte, dieses Gefühl will bei mir nicht aufkommen. Die Inhalte der diesjährigen Ansprache sind ohnehin bereits von allen möglichen anderen Medien, auf erträgliche Kürze zusammengefasst, ausgeplaudert worden. Und was immer unsere Kanzlerin zu sagen hat (ich vermute mal, dass es das erste Jahr sein könnte, in dem ich ihr in Einigem sogar zustimmen würde), allein der Tonfall schlägt mir nach einem halben Satz furchtbar auf´s Gemüt.

Bevor ich´s mir jetzt mit einem leckeren Fläschchen Desinfektionsmittel für orale Anwendung gemütlich mache und die Neujahrsansprache geflissentlich ignoriere, wünsche ich allen meinen Freundinnen und Freunden, meinen Verwandtinnen und Verwandten, Onkelinnen und Tanten, Tunten und Diversen, Unentschiedenen und Entschlossenen ein besseres 2021 mit der Bitte: Bleibt fröhlich, wachsam, aber lasst Euch nicht anstecken. Auch nicht von virtuellen bzw. viralen Viren. Nur wer ein Brett vorm Kopp hat, muss quer denken.

Das muss reichen. In diesem Sinne:

Frohes Neues!

Aus der Rubrik „Gelungene Bildunterschriften“:

Bestimmt war wieder der Praktikant schuld: Mit ein klein wenig Mühe hätte man bei dieser Illustration einer alten „Tatort“-Folge mit Kommissar Haferkamp vermerken können, dass es sich bei dem Mann um den Schauspieler Peter Matic (der in dieser Folge eine der Hauptrollen spielt) und bei „Frau Mattusch“ um dessen Kollegin Edith Hancke handelt. Aber wen interessiert das schon…

Entdeckerstolz

Eigentlich wollte ich ja das Thema Satire im Öffentlich-Rechtlichen Färnsän weiterverfolgen. Ich ahnte ja nicht, was ich mir damit antun würde – ich bleibe dran, aber jetzt brauche ich erst einmal Erholung. Deswegen will ich heute einmal loben.

Zuallererst einmal die wunderbare, aber vermutlich weithin unbekannte englische Serie „Detectorists”, die es derzeit in der ARTE Mediathek zu sehen gibt. Die ist zwar schon ein paar Tage alt (die erste Staffel lief 2014), aber einfach zeitlos und genau das Richtige für alle, die im Netflix/Amazon Prime-Horror/Crime/Crown/Mystery-Dschungel die Orientierung verloren haben und einfach mal eine schöne unaufgeregte Sitcom mit subtilem Humor und einem Panoptikum an verschrobenen, aber nie überzeichneten Charakteren, dargestellt von mit traumwandlerisch sicherem Geschick gecasteten Darstellern, sehen wollen. (Den Autor und Hauptdarsteller Mackenzie Crook ist kennt man auch aus „Fluch der Karibik”). Ich bin eher zufällig drüber gestolpert, war aber schon nach ein paar Minuten angefixt, wozu auch der tolle Titelsong und die Landschaft, in der sich alles abspielt, beigetragen haben. (3 Staffeln á 6 bzw. 7 Folgen von je knapp 30 Min. Länge – sehr gut häppchenweise zu schauen, aber auch für binge watching gut geeignet.)

Und nun komme ich doch wieder zum Thema Satire. Keine Bange, diesmal wird´s wirklich lustig. Ich musste ein paarmal nachrechnen, so unglaublich erschien mir die Tatsache, dass dieser Text hier schon 90(!) Jahre alt ist. Er erschien am 9. September 1930 in „Die Weltbühne” – sind irgendwelche Ähnlichkeiten mit heutigen Zuständen rein zufällig? Zu lobpreisen ist hier auch der hervorragende Vortrag von Gerd E. Schäfer, den ich bis dato auch nicht kannte. Er war in der DDR ein beliebter Volksschauspieler.

Wer den Text noch einmal nachlesen will, findet ihn hier oder hier.

Ausflug in die Satire-Hölle

Früher war alles besser, weiß man ja. Auch das, was schlechter war, war irgendwie besser schlecht. Ach, was rede ich da…

Ich rede von Fernseh-Satire. Ich habe gerade nach langer Abstinenz ein paar aktuelle Kostproben genossen, und das hat Spuren hinterlassen. Vielleicht idealisiere ich da in Altherrenmanier etwas: Satire, so meine Erinnerung, setzte sich mit gut recherchierten Fakten aus Politik und Gesellschaft auseinander, um dann die Absurdität des Ganzen zur Kenntlichkeit zu entstellen. Aber dann kamen Nuhr, Richling & Co. Und man dachte: Das hat sich bald erledigt, so platt und doof kann´s ja nicht lange weitergehen. Harald Schmidt wollte ja auch keiner mehr sehen, als dem saturierten Unterhalter nichts Unterhaltendes mehr einfiel. Aber sie treiben es bis heute – zunächst erklommen sie angeblich „Satire-Gipfel“, kamen dabei aber kaum aus der Tiefebene heraus, bis die ARD-Programmdirektion nach etlichen Jahren merkte, dass „Gipfel“ etwas anderes meint und das Ganze in „Nuhr im Ersten“ umbenannte.

Muss man ja nicht schauen. Aber es gibt gelegentlich neue Formate. Anlass zur Hoffnung? Zufällig bin ich in in YouTube auf die SWR-Sendung „Spätschicht“ gestoßen. Der erste zeigt einen Auftritt der Kabarettistin Lisa Fitz. Die blutjunge originelle Nachwuchskabarettistin hat´s echt drauf. Acht Minuten ziemlich zusammenhangloses Krakeel – nicht, dass ich grundsätzlich etwas dagegen habe, Politiker oder Parteien zu beschimpfen oder zu beleidigen. Das ist Notwehr; die beleidigen ja auch mich tagtäglich mit ihrem Tun und Reden (Scheuer, Scholz, Amthor, von der Leyen – muss ich weitere Namen nennen?). Aber das kann ich selber auch bequem im Home Office erledigen. Und dass die SPD die nächste Bundestagswahl sowieso nur wegen einiger unbeirrter Nostalgiker und trotz Olaf Scholz überlebt, weiß man doch auch ohne Lisa Fitz, oder? Und so rosig wie´s Frau Fitz uns (beleg- und quellenfrei) weismachen will, sieht´s in Schweden auch nicht aus.

Schauen wir mal, was Simone Solga in dieser Reihe zu erzählen hat. In puncto Lautstärke steht diese blutjunge originelle Nachwuchskabarettistin ihrer Kollegin Fitz wirklich nicht nach. Und was Beleidigung und Beschimpfung von Politikern angeht, siehe oben. Aber – sagte ich schon, dass früher… und dass Fakten… stimmt, sagte ich schon. Dass Karl Lauterbachs Selbstpräsentation so eine Sache ist, sei unbestritten. Aber er ist als Epidemiologe einer der wenigen Fachleute in der Regierung, und vielleicht, ja so ganz ganz vielleicht, hätte man ja mal auf´s Inhaltliche seiner Argumentationen zu sprechen kommen können – um, wenn damit etwas nicht stimmt, sie entsprechend auseinanderzunehmen. Das aber wiederum bedeutet Recherche, und dazu ist Frau Solga selbst in den Zeiten des Internets, wo man das praktisch alles im Home Office erledigen kann, zu faul. Arbeit ist ihre Sache nicht, das immerhin glaubt man ihr dann gerne. Abgesehen davon könnte Recherche auch Ergebnisse bringen, die man gar nicht wünscht. Siebeneinhalb Minuten inhaltsloses Krakeel.

Nun, wo wir gerade bei Karl Lauterbach sind, schauen wir doch mal: „Jens Neutag berät Karl Lauterbach“. Ein Versuch noch. Vielleicht kommt ja hier heraus, dass es sich bei den beiden vorigen nur um eine zufällige Konstellation unglücklicher Einfallslosigkeit handelt. Aber ach, die Hälfte des erfreulicherweise nur knapp fünf Minuten langen Beitrags (das einzig erfreuliche an ihm) arbeitet sich der blutjunge originelle Nachwuchskabarettist – wie überraschend! – an Lauterbachs Äußerem ab, dann kommt noch eine Lauterbach-Parodie, die – man ahnt es – sich und die Zuschauer nicht mit Inhalten irritiert. Mein Gott, was haben alle diese Nachwuchstalente eigentlich während des ersten Lockdowns gemacht? Sooo viel Zeit, um dann so dünne Texte ´rauszuhauen (Kopfschüttel-Smiley).

Was einen noch mehr deprimiert, sind die Kommentare zu diesen auch auf YT veröffentlichten Grausamkeiten. „Die traut sich was“, liest man da bei Solger und Fitz, auch von „Klartext“ ist die Rede; dass man sowas noch darf in einem Land, wo doch sonst alle Kritik an den Anti-Corona-Maßnahmen sofort zensiert wird…. und das in einem fort. Ich habe das im Falle von Lisa Fitz in einem Anfall von Wut und Fassungslosigkeit in der YT-Kommentarsektion so kommentiert:

Ja, das muss er sein, dieser besonders im Ausland gefürchtete deutsche Humor: von analytischer Schärfe, dabei phantasievoll und voll überbordender Kreativität, alle Augenblicke eine überraschende Pointe, das alles dargeboten im mit der Dampfwalze gebügelten knallroten Hosenanzug und Betonfrisur – bravo, Lisa! Du hast es drauf! Lass sie doch alle verrecken, diese überalterten multigoogledingens Mummelgreise! Das schafft zwar kurzfristig Probleme für das Personal auf Intensiv- und Pflegestationen, aber danach haben wir ein gesundes, junges und immunes Volk! Genial! Und die Preise für Altersheime sinken auch wegen sinkender Nachfrage! Tu’s deiner Oma zuliebe! Danke, Lisa, danke!

Nach einer Stunde kam die Nachricht, dass jemand ein „Like“ für meinen Kommentar abgegeben hat. Die Freude darüber wurde fast augenblicklich von dem Gedanken torpediert: Was ist, wenn da jemand meinen Kommentar für bare Münze genommen hat? Früher, ja früher… da wäre mir dieser Gedanke wirklich nicht gekommen.

Ich will mich nicht an der Diskussion beteiligen, was Satire darf (und was nicht). Aber ein Wort, nein, zwei, was gute Satire ausmacht, seien mir schon gestattet: Erkenntnisgewinn. Und Originalität. Mal schauen, vielleicht bleibe ich am Ball und mache weitere Selbstversuche. Zum Glück habe ich gute Beziehungen zur nächstgelegenen psychiatrischen Klinik; die kriegen mich dann schon wieder hin.

Fakten, Fakten, Faketen

Nein, das ist kein Schreibfehler im Titel. Heute geht es um „Fakt oder Fake?“. Man weiß ja gar nichts mehr einzuordnen – je mehr physisches „social distancing“, desto mehr rücken einem die „Sozialen Medien“ auf die Pelle, und man verliert den Halt: Ist das nun wahr, was da steht, oder ist es nur wieder eine von Angela Merkels Erfindungen, die sie durch als Forscher und Wissenschaftler verkleidete Büttel in die Welt setzt, um ihre Diktatur zu etablieren? Wir haben uns mal umgehört und bringen Klarheit in die Sache. Fakt oder Fake?

1. Lothar Wieler ist in einem chinesischen Labor nahe Wuhan erzeugt worden (Antwort: Stimmt. Auch in den geheimen Kellern des Bundeskanzleramtes wurde mit Hochdruck gearbeitet, aber die Chinesen konnten schneller und billiger liefern.)

2. Christian Drosten hat in Wirklichkeit Vinologie an der Chardonnay in Chinois studiert (Antwort: Fake. Die Wissenschaft vom Wein heißt nämlich Önologie. Sie lassen sich wohl auch erzählen, dass ein Imker Bienologie studiert haben muss…)

3. An der DT-University in Washington wurden vielversprechende Versuche gemacht, das Covid-19-Virus mit Stinkekäse in Schach zu halten (Antwort: Wissen wir auch nicht, haben aber vorsichtshalber schon mal die regionalen Bestände an Esrom, Tilsiter, Limburger und Harzer aufgekauft. Und, wo wir schon dabei waren, gleich nochmal eine Palette Klopapier mitgenommen.)

4. Prof. Dr. Hendrik Streeck wurde bei seinen Untersuchungen in Heinsberg durch ausgewiesene Experten und wissenschaftliche Koryphäen wie Armin Laschet und BILD-Chefredakteur Kai Diekmann unterstützt (Antwort: Stimmt. Leider. Ohne Scheiß.)

5. Fledermäuse haben das Virus auf den Menschen übertragen (Antwort: Unklar. Es wird vermutet, dass Fledermäuse das Gerücht in die Welt gesetzt haben, um in Ruhe gelassen zu werden.)

6. Die Medien können nicht frei berichten und sind sind alle auf Merkellinie gleichgeschaltet (Antwort: Stimmt. Können wir zwar nicht beweisen, aber wir sind trotzdem voller Überzeugung, dass wir nicht mehr frei schrei… auaaa… neeiiin, bitte nicht… die Merkel ist toll, lässt uns alles sagen, was wir wollen, aber wir wollen ja gar nicht, weil, ist ja schon gut, was sie tut…)

Corona 2

Fake oder Fakt?

7. Weltweit fahren die ökonomisch stärksten Länder ihre Volkswirtschaften und Wertschöpfungsketten an die Wand, um Angela Merkels Diktatur zu stabilisieren. (Antwort: Stimmt. Die Frau hat alle im Griff. Beneidenswert. Vor soviel Energie und Durchsetzungsvermögen muss man den Hut ziehen oder, besser noch, niederknieen. Sonst ist die Rübe auch bald ab.)

8. Das Corona-Virus ist in Wirklichkeit gar nicht rund, sondern so flach wie die Erde (Antwort: Stimmt. Aber nur, wenn man drauftritt.)

Maske

Auch ich gehe nur noch mit Maske einkaufen

Ich hoffe, ich und mein Team vom Münchhausen-Institut konnten etwas Klarheit schaffen. Lasst uns in den Kommentaren wissen, ob wir helfen konnten.

Impressionen aus Notouriland

In dieser Gegend war es in den letzten Tagen und Wochen ziemlich ruhig – an den Stränden, auf den Promenaden, in den Supermärkten. Ein Strand ohne Menschen hat in der Regel nichts Erschreckendes. Aber es gibt Orte, deren Trostlosigkeit man umso deutlicher merkt, wenn niemand ins Bild läuft – nicht mal an einem Samstag Nachmittag in den Ferien. Und dann fragt man sich, warum Menschen überhaupt hierher kommen, um Erholung zu suchen. Aber vielleicht suchen sie auch etwas Anderes…

Rechteckig bzw. recht eckig, praktisch, aufregend: Gediegene Wohlfühl-Architektur erwartet den Gast

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Man beachte das harmonische Zusammenspiel zwischen Beton, Glas, Metall, Plastik und Natur

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Ferienobjekte ohne Feriensubjekte

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Ostseebad im Farbenrausch

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No Alk today – heute dicht, morgen dicht und übermorgen wieder

 

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Und hier noch das Ganzjahres-Veranstaltungsprogramm für 2020

Alle Fotos ©Gerrit Gätjens 2020

Love me gender (1)

Mit der gendergerechten Sprache ist das so eine Sache. Als Schreiberling mit gewissem Gerechtigkeitsempfinden macht man sich naturgemäß Gedanken. Unfug oder sinvoll? Ich habe auch meine Vorbehalte – hauptsächlich, weil das Nachdenken darüber, wie man die Sache regelt, gelegentlich den Gedankenfluss zum eigentlichen Thema aufhält, zumal zur Einteilung der biologischen Geschlechter in männlich und weiblich eine neue ebenfalls zu berücksichtigende Variante dazugekommen ist.

Soll man sich all denen anschließen, die den Aufruf des Vereins Deutsche Sprache e.V., den „Gender-Unfug“ zu stoppen, unterschrieben haben? Ein Besuch auf der Internetpräsenz dieses Vereins macht schnell klar, in welcher Gesellschaft man sich als Unterzeichner befände: Allein Namen wie Jan Fleischhauer, Kai Diekmann und Hans-Georg Maaßen (um nur mal drei der peinlichsten zu nennen) lassen bei mir sofort massive Zweifel an der Redlichkeit des Unterfangens aufkommen.

Vorsichtshalber zähle ich mal durch: 25 der 100 Erstunterzeichner*innen sind Frauen, der Rest Männer – zumindest den Vornamen bzw. der Berufsbezeichnung nach zu urteilen. Unter 259 als „weitere Unterzeichner“ gelisteten Personen sind gerade 69 Frauen – ein ähnliches Verhältnis wie bei den Erstunterzeichnern. Der „Gender-Unfug“ scheint eine deutlich männergeprägte Sichtweise zu sein.

Aber wo wir gerade mal da sind, schauen wir uns doch noch ein wenig auf der Homepage des Vereins um. Da gibt es die Seite „Bekannte Mitglieder“ – unter einem kleinen Fotoportrait findet sich jeweils ein Zitat der Person. Ein paar Beispiele gefällig?

Dr. Max Adenauer (†) (Sohn des ersten Bundeskanzlers; lange Jahre Oberstadtdirektor von Köln):
„Wir brauchten auch bei uns so etwas wie die Académie Française.“

Ach, dieser resignative Konjunktiv „brauchten“… Académie hin, Française her, auch die hat es nicht geschafft, das Französisch des 17. und 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart zu konservieren.

Prof. Dr. Roland Duhamel (Vorsitzender des belgischen Germanistenverbandes)
„Wenn die Deutschen international auf ihre Sprache verzichten wollen, dann ist das vielleicht ihre Sache. Aber sie machen damit auch meine Muttersprache (Niederländisch) mundtot.“

Wenn mal irgendwann kein Mensch mehr Niederländisch spricht, weiß man, wer schuld ist.

Dr. Otto von Habsburg (†) (Oberhaupt der Familie Habsburg-Lothringen und Sohn des letzten Kaisers von Österreich):
„Die Restauration von Äußerlichkeiten ist noch niemals geglückt. Nicht auf diese kommt es an, sondern auf die dauernd gültigen Werte.“

Die Restauration von Äußerlichkeiten ist schon sehr häufig geglückt. Und die dauernd gültigen Werte wohnen bestimmt auch lieber in einem schön restaurierten Haus, oder?

Dieter Hallervorden (Kabarettist)
„Die deutsche Sprache ist nicht nur mein Arbeitsmedium, sondern auch öffentliches Gut und wichtigster Ausdruck unserer Kultur. Sie bedarf deshalb ebenso der Pflege und des Schutzes, wie Wasser, Boden und Luft.“

Hat sich ja mit seinem „Didi“-Quatsch unsterbliche Verdienste um die deutsche Sprache erworben.

Torkild Hinrichsen (Direktor des Altonaer Museums in Hamburg)
„Der Weisheit letzter Schluss ist nicht der letzte, sondern das Letzte und der Anfang von vielen weiteren Schlüssen.“

Aha. Soso.

Hape Kerkeling (Schauspieler und Komödiant)
„Seitdem ertappe ich mich dabei, wie ich mir wirklich über jedes Wort Gedanken machen muss.“
(Zum Sensationserfolg seines Buches „Ich bin dann mal weg“)

Er ertappt sich dabei, wie er nachdenken muss.

Edda Moser (gefeierte Sängerin an der Metropolitan Opera in New York; die von ihr gesungene Arie der Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte ist als Botschaft der Menschen in der Raumsonde Voyager unterwegs)
„Unsere Sprache ist im Begriff, wie ein krankes Tier zu verenden auch auf Deutschlands Bühnen.“

Satzzeichen wie Gedankenstriche können helfen, solche Todesfälle zu vermeiden auch auf deutschen Bühnen.

Nina Ruge (Fernsehmoderatorin und Autorin)
„Soll Sprache Geist transportieren, muss sie geistvoll sein.“

Wär ich im Leben nicht drauf gekommen.

Ok, dieser Verein scheint nicht die richtige Adresse zu sein, um sich Orientierung zu holen. Die Suche geht weiter…

 

 

Rauchende Orgel

Pierre Cochereau war 30 Jahre lang – von 1954 bis 1984 – Organist an Notre Dame. Er war nicht nur für sein virtuoses Orgelspiel und seine Improvisationskunst berühmt; auch seine Vorliebe für reichhaltiges Essen und Trinken war legendär. Außerdem war er noch Kettenraucher – ein Laster, von dem er, so erzählt man sich, auch beim Orgelspiel nicht abließ.

Da raucht einer drei Jahrzehnte lang inmitten der ganzen Holzkonstruktion der riesigen Orgel und nix passiert. Und dann, dreieinhalb weitere Jahrzehnte später, in einer Zeit hochentwickelter Sicherheitstechnik, reicht ein kleiner Kurzschluss…

Die berühmte Orgel, so erfahren wir, blieb aber verschont. Dass je wieder an ihrem Spieltisch geraucht wird, ist aber eher unwahrscheinlich.

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Nichtraucherorgel in der Stadtkirche zu Neustadt/Holstein